gebeuyst

Schlingensief über Deutschland - seine Leidenschaft fehlt so!

"Ich finde dieses Deutschland ist eine unglaublich selbsttrügerische Veranstaltung. Es hat sich gegen sich selbst gewandt, es ist voller Selbsthass, es hat die ganze Zeit das Gefühl, dass es etwas gutmachen will, aber nicht weiß wie. Und vor allem, will es möglichst nicht gestört werden in dieser Unfähigkeit etwas gutzumachen. Natürlich kann ich auch nicht leugnen, dass ich sehr deutsch bin. Aber darum geht’s ja gar nicht. Es geht darum, dass mir dieses Deutschland gerade wirklich die Luft abschnürt in seiner Betrachtung von Kunst und Kultur. Ich meine, dieses Land ist doch gar nicht interessiert an Kultur. Kultur ist doch auch, Erfahrungen zu machen, etwas entdecken zu wollen - und das können wir hier nicht. Jemanden, der mal wirklich eine Erfahrung von sich einbringen will, müssen wir sofort als Boulevard verleumden oder als einen Menschen, der sich nur nur wichtig tun will. Weil: Wir leben ja noch, wir haben keine Probleme. Wir haben nur die Pendlerpauschale, wir haben die Verspätung bei der Bundesbahn. Und wir haben das Problem, dass wir keinen Wahlkampf mehr haben: Wir wollen was hören, aber wir hören nichts. Das sind unsere Leidensthemen. Aber was zum Beispiel ein Hartz-IV-Empfänger aushalten muss, der sagt, ich möchte auch mal verreisen, verdammt, ich möchte auch mal meinen Kindern zeigen, was es heißt, ein anderes Land zu besuchen - so etwas wollen wir nicht hören. Ich meine, wir ziehen gerade Kinder auf, die haben keinen Begriff von Europa, die haben keine Idee davon, was es heißt, in einem anderen Land zu leben. Solche Kinder ziehen wir auf in Hartz-IV-Wohngemeinschaften mit Ein-Euro-Jobs und der Papa muss den Müll wegräumen und die anderen Kinder lachen darüber. Das ist Deutschland."